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Consul - Banff, Kanada
Boris hatte mir schon einige Wochen zuvor angeboten, mir ein Auto zu leihen, damit ich Kanada „auf eigene Fast“ entdecken kann. Er selbst konnte mich mich aus verständlichen Gründen leider nicht begleiten. Das wäre natürlich toll gewesen. Aber wie ich schon sagte, Sommer und Herbst sind die Zeiten, in denen am meisten Arbeit an der Farm anfällt. Und gerade kurz vor der Ernte wäre ein Urlaub undenkbar gewesen. Von seinen 3 Kindern die ihren Papa vermisst hätten und Marlee mal ganz abgesehen. Ich hatte also die Auswahl zwischen einem total coolen Buick. So ein richtiger amerikanischer Straßenkreuzer mit allem Schnick und Schnack, einem etwas betagtem Audi Quadro der aber laut Boris nicht so 100% zuverlässig sein sollte und einem alten Golf. Da ich der Familie nicht das beste Auto entführen wollte war die Entscheidung einfach. Ich nehme den Golf. Wie sich aber kurz vor meiner Abfahrt zeigte, war es schwierig mit dem Golf so richtig geradeaus zu fahren. Irgendwie zog er aus unerklärlichen Gründen sporadisch stark nach rechts oder links. Das war aber kein Problem. Ein kurzer Weg zum hauseigenen Schrottplatz würde das Problem schnell lösen. Ein hauseigener Schrottplatz. Wer kann schon von sich behaupten, so etwas zu haben. Da stehen die gesammelten Autos der Familie Swihart von Generationen. Alte Trucks, Pickups, und Pkw die zum Teil schon über die Farm gefahren sind bevor die Brüder Mc Donalds ihre erste Filiale in Kalifonien eröffnet haben. Und oh Wunder, hier standen neben einem alten verrosteten Käfer ohne Dach und zahlreichen Amischlitten die allesamt schon bessere Zeiten gesehen hatten auch zwei Golfs. Ein Golf I und ein Golf II wie Boris ihn fährt. Ich hatte ja schon mal erwähnt das wir, also Boris und ich uns schon eine halbe Ewigkeit kennen. 27 Jahre um genau zu sein. Und früher war es immer so, dass ich der Goldmund und Boris der Narziß war. Boris war immer der Vergeistigte von uns und ich der praktisch Veranlagte. Wenn es etwas zu basteln oder zu bauen gab oder ein Fahrrad zu reparieren, dann war ich derjenige, der das gemacht hat. Und jetzt hatten sich auf einmal die Rollen vertauscht und Boris war der derjenige, der in null Komma nichts das Kugelgelenk, welches bei seinem Golf gebrochen war, aus dem alten Schrottplatzgolf rausgeschaubt und in seinen Golf reingeschraubt hat. Es hat nicht länger als eine Stunde gedauert und das seltsame Hin- und Herziehen der Lenkung war passé. Ich hatte mir schon grob eine Route zurechtgebastelt und jetzt konnte ich aufbrechen. Auf ins unbekannte Land. Mein erstes Ziel war der Dinosaurier Nationalpark. Ach ne, vorher hab ich noch in Medicine Hat gestoppt, um mir ein Zelt und eine Lampe zu kaufen. Meine tolle Stirnlampe (ich weiß gar nicht, ob es die 2. oder schon die 3. war) hatte sich mal wieder in Luft aufgelöst. Mist. Zwei Schlafsäcke und einige andere Campingutensilien hatte ich von Marlee und Boris mitbekommen. Meine erste Nacht habe ich auf halber Strecke zum Dinosaurier Nationalpark verbracht. Bevor ich mich in mein nagelneues 4 Personenzelt verkrümelt habe, gab es noch Pasta mit Tomatensoße. Auf dem Campingkocher zubereitet. Das war super. Ich war total unabhängig. Im Dinosaurierpark bin ich ein bisschen abseits des Trails gelaufen und habe prompt eine Schlangenhaut gefunden. Von einer Klapperschlange, glaube ich. Ich wisst ja sicher, das Schlangen sich alle Nase lang häuten. Diese Haut lag neben einer Minihöhle im Gras. Die Schlange war möglicherweise gleich nebenan, hat sich aber nicht blicken lassen. Schade. In diesem Park wimmelt es überall von Dinosaurierskeletten. Nirgendwo auf der Welt (gilt das schon als Superlativ? Ja, klar.) wurden mehr Dinoskelette gefunden und in alle Welt exportiert, als hier. Und dann habe ich auch, wieder abseits des Weges, ebenfalls ein Skelett gefunden. Das war so halb eingebuddelt in so eine Art superharten Schlamm. Ich war schon ganz aufgeregt, ob ich jetzt vielleicht auch ein Fossil entdeckt hatte? Sofort bin ich runtergelaufen zur Touristinformation und haben der Dame an der Rezeption die Großaufnahmen meines einzigartigen Fundes gezeigt. Diese war auch gleich ganz aus dem Häuschen. amazing, incredible, gorgeous, fantastic und was ihr nicht alles über die Lippen kam. Ich war mir ganz sicher, dass ich da was Besonderes entdeckt hatte. Jetzt wollte ich wissen, wie es weiter geht. „Mit wem kann ich jetzt dorthin gehen?“, habe ich gefragt. „Wie, dorthin gehen?“ meinte sie dann. „Na, damit ich zeigen kann, wo ich es gefunden habe!“ hab ich geantwortet. Und damit man es sorgfältig mit Nagelpfeilen, Skalpellen und Pinzetten ausbuddeln und ins Museum stellen kann, hab ich mir gedacht. „Och ne“, meinte sie dann, „das ist nicht nötig. „Wie, das ist nicht nötig, ist es denn kein fossiles Skelett, was ich gefunden habe?“ „Nee, wahrscheinlich nicht“ „Wollen Sie denn nicht mal wenigstens gucken?“, hab ich noch kleinlaut versucht zu retten, was zu retten war. „Wenn sie möchten, dann können Sie hier ihren Namen hinterlassen“, meine sie dann. Meinen Namen soll ich hinterlassen, aber nicht zeigen, wo ich meinen fossilen Osterhasen, oder was auch immer es war, gefunden habe. Was für einen Sinn hat es dann meinen Namen zu hinterlassen. „Och, ne, meinte ich dann, das ist nicht nötig.“ Dann bin ich gegangen. amazing, incredible, gordeous, fantastic, tz, das hätte sie sich auch sparen können. Von meiner Schlangenhaut hab ich ihr aber nichts erzählt. „So, Pech gehabt, meine Liebe. Die behalte ich nämlich jetzt einfach“, hab ich mir noch gedacht und bin gegangen. Das coolste am Dinosaurier Park war, dass dieser in einer riesigen Schlucht gelegen hat. Wenn man dem dem Auto dort oben entlang gefahren ist, dann hat man von dieser Schlucht nichts gesehen. Man sieht so lange nichts von der Schlucht, bis man direkt davor steht. Und auf einmal geht es steil hinunter. Wenn ich es richtig verstanden habe, ist diese Schlucht durch das Schmelzwasser der Gletscher entstanden, welche sich in der Eiszeit bis hierher durch das Land geschoben haben. Das Wasser hat also nicht nur die Schlucht geschaffen, sondern auch die Dinoskelette freigespült. Hätte es die Eiszeit nicht gegeben, wären diese Skelette auch weiterhin 30 oder 40 Meter unter der Erdoberfläche unentdeckt geblieben. Interessant ist natürlich auch der Gedanke, wie viele Dinosaurierskelette liegen wohl noch in dieser Region und in anderen Gebieten unter meterdicken Erdschichten. Wahrscheinlich tausende. Interessant? Ich find es interessnt. Vielleicht befindet sich geradewegs unter dir, genau da wo du jetzt gerade stehst in 30 Meter Tiefe das Skelett eines Tyrannosaurus Rex oder eines Brontosaurus oder eines Pterosaurias … Okay, lassen wir das. Auf meinem Weg aus dem Park heraus bin ich an einem Schild vorbeigefahren, das davor warnt, dass es dort Schlangen gibt, und dass man als Autofahrer bitte aufpassen soll, damit man sie nicht überfährt. Ich hatte ja schon vergeblich den ganzen Park abgesucht nach einer richtigen Schlange aber leider keine gefunden und kaum war ich an dem Schild vorbeigefahren, lag da eine Klapperschlange faul auf der Straße herum. Ich habe es gerade noch geschafft ein paar Fotos von ihr zu schießen, da ist sie auch schon im Gebüsch entschwunden. Am liebsten hätte ich ein Foto von ihr in so einer drohenden Geste mit gehobenen Kopf, weit aufgerissenem Maul und rasselndem Schwanz gehabt. Offensichtlich haben aber weder Boris Golf noch ich bedrohlich genug auf sie gewirkt, um sie dazu zu veranlassen. Gut, vielleicht beim nächsten Mal oder hätte ich besser mit dem Golfkart von Senior Campingplatzmeister anrücken müssen. Ich weiß es nicht.
Vom Dinopark aus ging es weiter nach Drumheller. Dort stehen einige Hoodoos, das sind natürliche freistehende Säulen. Zur Entstehung der Hoodoos hab ich eine Theorie die ich jetzt mal zum Besten gebe. Der Boden in dieser Region ist relativ weich und lässt sich durch Regenwasser verhältnismäßig leicht ausspülen. Wenn aber jetzt eine Steinplatte irgendwo liegt, dann kann der Regen zwar das darum herum liegende Gebiet abtragen aber nicht die Erde direkt unterhalb des Steines. Dadurch entstehen im Laufe von vielen Jahren diese Säulen. Auf allen Säulen befinden sich nämlich Steinplatten die so aussehen, als wären sie aus festerem Material als die Säulen selbst. Gute Theorie? Sie sehen auf jeden Fall sehr interessant aus, diese Hoodoos. Nachdem ich noch in einem Bergbaumuseum gewesen bin, hab ich mich am nächsten Tag auf den Weg nach Calgary gemacht. Allerdings bin ich nicht ganz so weit gekommen. Etwa eine ¾ Stunde vor Calgary befindet sich ein Ort namens Rosebud. Allen Orson Welles Freunden klingelt es da wahrscheinlch direkt in den Ohren. Mir hat es gleich zweimal in den Ohren geklingelt. Nicht nur wegen Citizen Kanes Schlitten, sondern auch weil ich wusste, dass es in Rosebud ein kleines aber feines Theater gibt. Ich hatte bereits im Internet gelesen, dass dort zu der Zeit „The man of La Mancha“ aufgeführt wurde. Erst als ich an dem Ortsschild vorbeifuhr, fiel es mir wieder ein. Ich habe nicht lange gezögert und bin sofort abgebogen. Es war gerade 7 Uhr abends. Die beste Zeit um in Erfahrung zu bringen, ob es noch Karten fürs Musical gibt. Ich hatte Glück und habe eine echt schöne Aufführung von Don Qijote gesehen. So mitten auf dem Dorf. Wer rechnet da schon mit einem guten Theater. Aber offensichtlich ist dieses Theater ein „Geheimtipp“ und die Leute kommen von überall her, um sich hier Vorstellungen anzusehen. Ich habe auf jeden Fall sehr unverhofft eine Stunde nachdem ich an diesem Schild vorbeigefahren bin, in der Aufführung gesessen. Die spontanen Dinge sind eben oft die besten Dinge. Es ist schade, dass uns der Alltag oft die Möglichkeit der Spontanität nimmt. Mein Terminkalender ist immer so gerammelt voll, dass sich viele meiner Freunde schon über mich lustig machen, wenn ich manchmal über Monate im Voraus Termine mit ihnen absprechen möchte. Das da nur noch wenig Zeit für Spontanität bleibt versteht sich von selbst. Es ist nicht der Wille der uns zu „Sklaven“ unserer eigenen Planung macht, es ist die Planung selbst, die uns die Freiheit des nicht Planens nimmt. Wie Spontan ist man also ohne Planung wirklich? Geht es überhaupt ohne Planung. Das lass ich mal so stehen. Ich weiß nämlich auch keine Antwort darauf.
Dafür wollte ich aber noch kurz von dem Zeltplatz erzählen, auf dem ich in Rosebud mein Zelt aufgeschlagen habe. Und das war so. Ich hatte noch eine knappe Stunde Zeit, bevor die Vorstellung angefangen hat und ich hatte schon gehört, dass es einen Campingplatz für Wohnmobile am Ortsrand, ich sag mal besser am Dorfrand geben sollte. Dort bin ich also hingefahren. Eine ältere Dame hat dort im „Empfangshäuschen“ gearbeitet und mir nach einigem hin und her und einem Telefongespräch mit ihrem Mann gesagt, dass ich für stolze 25 Dollar mein Zelt auf dem Platz aufschlagen dürfte, auf dem sonst die Kanadischen Pfadfinder zelten. Es wäre zwar eigentlich kein Zeltplatz, aber sie würden für mich mal eine Ausnahme machen. „Gut“, hab ich gesagt, „mach ich.“ Dann hat die Dame mir erklärt, wo ich lang gehen muss. Ein Stück die Straße runter und dann wäre da der Platz. Ich könnte ihn nicht verfehlen. Ich bin also die Straße ein Stück runtergeganen und ihr könnt es euch schon denken, sonst würde ich es jetzt nicht schreiben, doch, man konnte ihn verfehlen. Ich zumindest konnte ihn verfehlen. Also bin ich wieder zurückgegangen zu dem Häuschen mit der Dame. „Ich kann den Platz nicht finden,“, meinte ich zu ihr. „hab ihn verfehlt!“ hab ich noch dran gehängt. Daraufhin hat die Frau einen Moment überlegt, was jetzt zu tun sei. Nach kurzem Nachdenken hat sie wieder zum Telefonhörer gegriffen und erneut ihren Mann angerufen. Nach ein paar Minuten öffnete sich in dem etwa 50 Meter entfernten Haus, ich vermute das Ehepaar wohnt dort, die Tür und ein älterer Herr kam heraus. Dieser setzte sich jetzt auf seinen Golfkart und fuhr damit zum Empfangshäuschen, also zu mir. Ich hab mich also auf die Beifahrerseite des Golfkarts geschwungen und war gespannt, wohin die Reise jetzt wohl gehen wird. Miteinem solchen Ding wollte ich schon immer mal fahren. Wisst ihr, was ein Golfkart ist? Das sind diese kleinen „Autos“ in denen die nicht ganz so sportlichen Golfspieler von einem verschlagenen Ball zum nächsten düsen, um nicht so viel laufen zu müssen. Also, in genau so einem Fahrzeug wurde ich nun abgeholt und vermutete augenblicklich, dass ich wohl nicht weit genug gelaufen sei, auf der Suche nach dem Pfadfinderzeltplatz. Zu meinem großen Erstaunen bogen wir direkt hinter dem Empfangshäuschen schon rechts ab, fuhren etwa 10 Meter auf Rasen und dann ging es ungefähr 5 Meter weit wieder nach rechts ein kleines bisschen bergab. Ich habe gerade angefangen mich zu fragen, wie wir da wieder hochkommen: „Schieben möchte ich das Ding aber nicht so gerne“, wollte ich gerade sagen, da hat mein Campingplatzhotelier schon gebremst und mir bedeutet, das wir da sind. Ich war sprachlos. Ich fasse nochmal zusammen. Der Typ ist mit seinem Golfschlitten angerauscht gekommen, um mir einen Platz zu zeigen von dem ich zuvor nur etwa 15 Meter entfernt mit seiner Frau gestanden habe. Ehrlich, das ist kein Witz. Ich übertreibe nicht. Es waren ungelogen nicht mehr als 15 Meter. Und dafür kam er mit seinem Golfauto. Was ist denn jetzt los. Werde ich gerade gefilmt oder so. Ich hab schon nach einer versteckten Kamera Ausschau gehalten, da hat Mr. Pfadfindercampingplatz schon aufs Gaspedal getreten und ist mit mir den recht steilen 5- Meter Abhang wieder hochgefahren. Wollte er mir nur zeigen, wie toll das Auto den Berg rauffährt? Ich konnte es immer noch nicht verstehen. Warum um alles in der Welt hat mir die Frau nicht den Platz gezeigt. Wir waren doch quasi schon da. 5 oder 10 Schritte hätten gereicht und ich hätte den Platz gesehen! Ich hab aber nichts gesagt. Nichts. Ich hab ganz freundlich geguckt, ich wusste ja nicht genau, wo die versteckte Kamera aufgestellt war. Dann hab meine 25 Dollar bezahlt. 25 Dollar. Schluck. Für ein Stückchen Rasen. Eine Toilette gab´s nicht. Das heißt, die gab es schon aber nachts konnte ich die offizielle Toilette nicht benutzen, da ich zum Hauptgelände nach 22 Uhr von meinem Pfadfinderplatz aus keinen Zugang mehr hatte. Und für die Dusche am nächsten Morgen musste ich extra bezahlen. Ein Hostel kostet übrigens um die 30 Dollar in Kanada, inklusive Dusche versteht sich. War mir aber nicht so wichtig. Ich hatte einen Platz zum Schlafen und ich habe mich auf das Theater gefreut. Das hat übrigens deutlich weniger gekostet als das Stück Rasen auf dem ich meinen Schlafsack ausgerollt habe. Das Musical war super und dafür hat es sich doppelt gelohnt. Und als ich dann nachts auf meiner Isomatte lag, musste ich mich nochmal ausschütten vor lachen. Diesen Golfkart werde ich so schnell nicht vergessen. Unglaublich. Danke, für diese Geschichte.
Mit einem Tag Verzögerung bin ich schließlich in Calgary angekommen. Schrecklich. Nichts wie weg hier! Viel zuviel Verkehr. Nach der Woche bei Bo auf dem Land und den zwei Tagen im Zelt war ich von der Großstadt innerhalb von Minuten so genervt, dass ich mich schnell wieder auf den Weg gemacht habe. Es ging weiter nach Banff. Von diesem Ort hatte ich sogar schon mal gehört.
Ob ich dort wohl auf einem Campingplatz übernachten werde? Ob es da auch wieder Golfkarts gibt? Ich war gespannt...
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