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Michaels Global Trek
5th Jul 2009 - 13th Jul 2009
Consul II, Kanada

Ich hatte mich schon darauf gefreut, wieder zurück nach Consul zu kommen, zurück zu Boris und seiner Familie und zurück zur Farm.

Wenn ich heute darüber nachdenke, finde ich es echt beeindruckend, dass die 12 Jahre, die wir uns nicht gesehen haben, so wenig an unserer Freundschaft verändert haben. Es ist alles wie früher. Naja, sagen wir fast alles. Natürlich hat sich die Erde weiter gedreht und natürlich haben wir uns ein bisschen weiter entwickelt. Aber das spielt keine Rolle. Nach wie vor würde ich für ihn meine Hände ins Feuer legen, ohne zu zögern.

Aufgrund des Regens bin ich erst recht spät in Consul angekommen.

„Meine Tür steht dir immer offen“, hat Boris mir noch am Telefon gesagt. Und das stimmt wirklich. Aber nicht nur mir, sondern sie steht allen offen. Nicht im übertragenen Sinn, sondern im wörtlichen. In diesem Teil Kanadas schließen die Leute ihre Türen nicht ab. Weder von ihrem Haus, noch von ihren Autos. Immer, Tag und Nacht. Natürlich auch, wenn keiner da ist. Das neue Notebook auf dem Tisch und der Fotoapparat gleich daneben. Kein Problem. Willkommen in Kanada, hier wird eben nicht geklaut. Die Autos sind nicht nur nicht abgeschlossen, sondern der Schlüssel steckt auch im Zündschloss. Das ist super und erleichtert die Autoschlüsselsuche ungemein. Zur Farm gehören bestimmt 20 Fahrzeuge und in jedem dieser Fahrzeuge stecken die Schlüssel. Kein Mensch würde auf die Idee kommen und einen Trecker oder einen Truck vom Feld klauen. Nicht hier.

Für Boris hat in der Zwischenzeit, in der ich unterwegs war, die arbeitsreiche Phase begonnen, die Erntezeit. Im Winter ist auf den Feldern fast nichts zu tun. In dieser Zeit werden Reparaturen und Büroarbeiten erledigt. Aber im Spätsommer und im Herbst kommen die Beiden kaum vom Trecker runter. In der ganz „heißen“ Erntephase, wird das Essen direkt aufs Feld geliefert. Arbeitstage gehen dann von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang. Kein Zuckerschlecken, kann ich mir vorstellen. Aber diese sogenannte heiße Phase stand den beiden noch bevor.

Jetzt wurde erstmal nur Gras gemäht, welches später zu Ballen gepresst und verkauft werden kann. Das gemähte Gras wird mit einem großen Rechen in Bahnen gelegt und diese werden dann im 3. Arbeitsgang vom Bailer zu Ballen gepresst.

Einen Tag habe ich mit dem Traktor auf dem Feld verbracht. 4 oder 5 Stunden lang habe ich gemähtes Gras gerecht, so dass aus 3 oder 4 Grasreihen 1 oder 2 Reihen wurden. So lässt sich das Gras später mit dem Bailer besser zu diesen großen Päckchen rollen. Die kennt ihr bestimmt, die liegen in Deutschland zur Erntezeit auch immer auf den Feldern. Ein solcher Ballen wiegt übrigens gute 600 kg. Puh, ganz schön schwer.

Jeden Tag gab es irgendetwas zu tun. Einmal bin ich mit dem Auto nach Maple Creek gefahren und habe dort Ersatzteile abgeholt und ein paar mal habe ich versucht bei den Reparaturen zu helfen. So gut es ging. Nicht, dass ich zwei linke Hände hätte, eigentlich nicht, aber ich kenne mich ja nicht mal mit Autos richtig aus, wie soll ich mich dann mit landwirtschaftlichen Maschinen auskennen. Total cool war es auch mit den ganzen Trucks durch die Gegend zu fahren, die zur Farm gehören. Ich konnte jeden Tag mit einem anderen fahren so viele gibt es davon auf der Farm. Am genialsten fand ich den blauen 68iger Pickup. Damit sind wir einmal spät abends durch die Gegend gefahren, um eine Lieferung Holz bei Bekannten abzuladen. Was für ein Auto. Und der Sound von diesen Dingern ist auch total geil. Schade nur, dass die fast alle einen Strudel im Tank erzeugen, wenn man mal ein bisschen aufs Gaspedal drückt. Sonst wäre das auch ein prima Auto für mich. Aber wofür braucht man auch einen Pickup in Bonn. Wo alle Straßen geteert und im Winter gestreut sind.

 

Zugegebener Maßen habe ich auch immer deutlich länger geschlafen als Boris. Der ist fast jeden Morgen gegen 7 Uhr aufgestanden und zur Farm gefahren. Ich habe meist ausgeschlafen, in Ruhe gefrühstückt und mich dann auf den Weg gemacht oder Boris hat mich abgeholt je nach dem.

Einmal bin ich gemeinsam mit Sophie reiten gegangen. Sie und ihre Schwester Kate nehmen seit ein paar Wochen Reitunterricht. Kate konnte an diesem Tag nicht, dafür bin ich mitgefahren. Marlee hat uns gebracht und dort zusammen mit Jonathan auf uns gewartet. Ganz schön lange, 2 Stunden sind wir geritten. Ich habe wieder 3 Tage lang Muskelkater gehabt, schrecklich. Aber das Pferd das ich diesmal hatte war echt traumhaft. Der Hengst auf dem ich geritten bin hat tatsächlich fast immer genau das gemacht, was ich wollte. Das war eine ganz neue Erfahrung für mich. Vor allem nach dem letzten Mal in Nicaragua, wo ich mein Rennpferd kaum Zügeln konnte.

Ich muss unbedingt weitermachen mit dem Reiten. Das geht in Bonn bestimmt auch irgendwo. Hat jemand von euch vielleicht Lust mitzumachen?

Am Sonntag bevor ich weitergefahren bin, sind wir alle zusammen zum Murrydale Rodeo gefahren. Sogar Betty und Paul, Marlees Eltern sind mitgekommen. Das Murrydale Stampede gibt es seit über hundert Jahren und ist somit älter als das Calgary Stampede und obendrein viel ursprünglicher. Ich habe mich gewundert, dass so viele Leute diesen Ort überhaupt gefunden haben. Es liegt so unglaublich Abseits von allem, dass ich es kaum beschreiben kann. Von Consul aus waren es ungefähr 1 ½ Stunden mit dem Auto. Die letzte Stunde davon sind wir auf einer Schotterpiste gefahren. Ortschilder gab es nicht. Statt dessen Autoreifen die am Straßenrand standen mit Pfeilen zum Rodeo. Dafür waren wir aber auch schließlich hautnah am Geschehen. Am besten seht ihr euch die Fotos an.

Ob man so ein Rodeo moralisch gut vertreten kann, sei mal dahingestellt. Die Tiere müssen schon ganz schön leiden. Nicht selten auch die Reiter. Aber die sind ja schließlich selbst Schuld. Unabhängig von davon, war es total interessant und noch viel beeindruckender als in Calgary.

 

Ich glaube für den Boris ist es gar nicht so leicht. Er liebt natürlich seine Frau und seine Kinder und er hat großen Spaß an der Arbeit auf der Farm. Aber seine Deutsche Familie und seine Freunde sind echt weit weg. Mal eben nach Deutschland ist einfach nicht drin. Nicht mit einer so großen Familie. Ich bin echt total froh darüber, dass es endlich geklappt hat, dass ich ihn in seiner „neuen“ Heimat besuchen konnte. Dieser Besuch war schon lange überfällig.

Die Woche, die ich bei meinem zweiten Besuch in Consul gewesen bin, ist viel zu schnell vergangen. Ich wäre gerne noch länger geblieben. Das Leben in diesem Teil der Erde hat mir gut gefallen. Es ist so anders als alles, was ich bisher kennen gelernt habe. Ich habe mich total wohl gefühlt dort auf dem Lande.

Aber es ging weiter. Auf mich hat wieder mal eine wahnsinns Busfahrt gewartet. 2 Stunden nach Medecine Hat und dann 19 Stunden im Greyhound Bus nach Vancouver. Nachtbus natürlich. Zum letzten Mal. Mit Sicherheit zum letzten Mal. Ich kann keine Nachtbusse mehr sehen und nicht nur, weil es ja nachts dunkel ist. Aber mittlerweile bin ich ja, wie Boris bemerkt hat, hart im Nehmen. Ich schlafe in jeder Stellung. Wahrscheinlich fehlt nicht viel, dann könnte ich sogar im Stehen schlafen. Aber so weit lasse ich es nicht kommen. Immerhin hatte ich ja einen Sitzplatz.

 

Das war wieder so ein „Auf wiedersehen“, das nicht ganz so einfach war. Wer weiß, wie lange es dauern wird, bis wir uns das nächst Mal sehen. Hoffentlich nicht nochmal genauso lang, wie beim letzten Mal.



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